Lokale Antibiotika für die Behandlung von Zahnfleischtaschen

Theoretisch kann über die direkte Applikation von Antibiotika in die entzündete Zahnfleischtasche eine hohe Wirkstoffkonzentration im betreffenden Zahnfach (Parodont) erreicht und somit eine starke Wirkung gegenüber den Bakterien entfaltet werden, ohne dass der gesamt Körper mit einem Antibiotikum belastet werden muss. Die besondere Physiologie des Zahnhalteapparates, die einen Flüssigkeitsfluss aus der Tiefe nach oben (außen) hin (Sulkus-Flow) quasi als interne Reinigung innehat, führt allerdings auch zu einem raschen Herausspülen der Medikamente. Um das zu Verhindern wurden besondere Zubereitungsformen (Galenik) für die lokale Anwendung entwickelt; z.B. als schwer lösliche und anhaftende Gele, Plättchen oder Fäden.

Lokale Antbiotikabehandlung aller Zähne kaum umsetzbar

Die Applikation in alle Abschnitte einer Zahnfleischtasche ist durchaus zeitintensiv und für eine Gesamtbehandlung aller Zähne unrealistisch. Der lokalen Gabe ohne Wurzelglättung (SRP) wird darüber hinaus kaum Erfolgschancen eingeräumt. Die lokale Antibiotikaapplikation wird daher vor allem für wenige Zähne empfohlen, wenn einzelne entzündliche Zahnfleischtaschen von mindestens 5mm Sondierungstiefe nach einer Parodontosebehandlung weiterbestehen. Dann können aber bessere Ergebnisse als nur durch mechanische Reinigung (SRP) alleine erzielt werden. Die wissenschaftliche Datenlage ist zur Zeit aber noch nicht überzeugend.

Vorteile der lokalen Antibiotikagabe

  • keine besondere Mitarbeit des Patienten notwendig, wie z.B. regelmäßige Einnahme zu Hause
  • keine Nebenwirkungen
  • keine Resistenzbildung
  • keine systemische Belastung für den Gesamtorganismus
  • höhere Wirkstoffkonzentration am Ort des Geschehens, als bei systemischer Gabe der Antibiotika
  • schmerzfreie Behandlung
  • wiederholbar

Nachteile der lokalen Antibiotikatherapie

  • nur bei einzelnen Taschen anwendbar, sonst zu großer Aufwand
  • nur nach erfolgter Reinigung (SRP) sinnvoll und wirksam
  • Taschen müssen >5mm sein, weil sonst kein Nutzen vorhanden ist
  • Risiko der Allergieentwicklung größer als bei systemischer Gabe
  • Wirkdauer nicht sicher kalkulierbar
  • kaum anwendbare Präparate auf dem Markt
  • hoher Kostenaufwand, da die Krankenkasse diese Behandlung nicht bezahlt; siehe auch Kosten der Parodontosebehandlung

Spezielle Zubereitung ermöglicht längere Verweildauer

Sinnvolle Trägersubstanzen sind so ausgewählt, dass sie eine gewisse Zeit in der Zahnfleischtasche verbleiben. Eine Wirkdauer von mehr als 24h ist zu fordern.

  • SRD (sustained release devices)
    verbleiben bis zu 24h in der Tasche und geben den Wirkstoff ab;
  • CRD (controlled release devices)
    verbleiben länger als 24h in der Tasche und geben kontinuierlich den Wirkstoff frei.

Es kann nicht jedes Antibiotikum mit jeder Trägersubstanz kombiniert werden. Ligosan® ist zurzeit das einzige auf dem deutschen Markt erhältliche lokale Antibiotikum mit CRD-Träger. Früher gab es noch andere lokale Antibiotika, die aber leider, trotz guter Wirksamkeit, vom Markt genommen wurden.

Aufwendige Applikation und schlechte Honorierung

Das Scheitern der bisherigen Produkte ist auf die Kombination von zeitaufwendiger Anwendung, relativ hohen Produktkosten (keine Übernahme durch die gesetzliche Krankenkasse) und schlechte Honorierung der Zahnärzte für dies Art der Behandlung zurückzuführen.

Fazit:
Eingeschränkte Indikation, private Kosten und dürftiges Medikamentenangebot: trotz theoretisch sinnvoller Anwendung bleibt die lokale Parodontitisbehandlung mit Antibiotika eine Randtherapie. Auch die sehr schlechte Honorierung wird für Zahnärzte kaum ein Grund sein, zukünftig häufiger auf diese Option zurückzugreifen.

Quellen:
T. Bürklin, S. Fath, P. Ratka-Krüger, Lokale Antibiotikagabe in der Parodontologie, CME-Fortbildung, Springer Verlag, 2011
P. Eickholz, Glossar der Grundbegriffe für die Praxis: Medikamententräger für die topische subgingivale Applikation von Antiseptika und Antibiotika, Parodontologie, 17 (3), 271-276, 2006
Hanes PJ, Purvis JP., Local anti-infective therapy: pharmacological agents. A systematic review, Ann Periodontol. 2003 Dec;8(1):79-98.

Letzte Aktualisierung am Freitag, 08. Juni 2018



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